In Weißrussland sind viele Dinge nicht selbstverständlich...

Hier einige Impressionen zum Leben dort:

Ausschnitt aus taz Nr. 7862 vom 4.1.2006, Seite 18, 162 Zeilen (TAZ-Bericht), ASTRID MARXEN

Wenn in Minsk der KGB-Offizier zum dritten Mal klingelt

In Weißrussland lässt Präsident Lukaschenko die Studierenden genau beobachten. Die
belorussische Vertreterin der europäischen Studentenunion ESIB bekommt das zu spüren
Er gab sich als jemand von der Universität aus und stellte eine Menge Fragen: "Was ist die
internationale Studentenunion für eine Organisation? Wie finanziert sie sich? Welche Haltung
hat die Union zu Weißrussland?" Als Tatsiana Khoma seinen Namen wissen wollte, antwortete er
lächelnd: "Tatsiana, wozu brauchst du meinen Namen?" Die 21-jährige Studentin antwortete
ausweichend. Genützt hat es ihr nichts. Tags darauf wurde sie von Rektor Vladimir Nikolaevich
Shimov von der Belarusan State Economic University in Minsk exmatrikuliert.

Tatsiana Khoma hat im vierten Jahr International Economic Relations studiert - mit sehr guten
Noten. Die offizielle Begründung für ihren Rauswurf: Sie habe sich bei der Leitung der
Universität nicht abgemeldet, als sie Anfang November nach Reims in Frankreich fuhr. Was nicht
im Bescheid steht, aber der wirkliche Grund für den Rauswurf sein dürfte: Tatsiana wurde in
Reims in den Vorstand des europäischen Studierendendachverbandes "ESIB - The National Unions of
Students in Europe" gewählt. Seit zwei Jahren engagiert sie sich bei ESIB für Demokratie und
studentische Partizipation, sie beschäftigt sich mit Bildungsreform und Bologna-Prozess.
Solcherlei politisches Engagement duldet das weißrussische Regime nicht, schon gar nicht, wenn
es auf internationalem Parkett stattfindet.

Seit elf Jahren herrscht Präsident Alexander Lukaschenko in Weißrussland. Das soll nach
Meinung des Diktators auch so bleiben, denn im nächsten Jahr stellt er sich wieder zur Wahl.
Opposition und kritische Medien hat er in den letzten Jahren systematisch mundtot gemacht. Mit
seinem verlängerten Arm, dem Geheimdienst KGB, verbreitet er auch an den Universitäten ein
Klima der Angst.

Der KGB arbeitet dort mit so genannten bringing-up departments zusammen. Diese
"Erziehungsabteilungen" sollen die "Jugend vor dem verderblichen Einfluss der Opposition
retten", wie es in einer Anordnung des Bildungsministeriums heißt. Der KGB filmt bei
Demonstrationen, bespitzelt regierungskritische Studenten und bricht in Büros von
Menschenrechts- und Studentenorganisationen ein. Auffällige Studenten werden zu Gesprächen
geladen.

Die Verhörstrategien sind flexibel. [...]
"Das ist das Heimtückische an den KGB-Methoden. Es wird nicht offen operiert, es wird gedroht,
angedeutet und eingeschüchtert, aber die können auch nett und freundlich sein. Die wissen
genau, welche Masche zieht", sagt Maxim Grouchevoie. Der 27-jährige Politologe hat bis 1997 in
Weißrussland gelebt und studiert. Er betreibt die deutschsprachige Website zu Belarus
(www.belarusnews.de).

[...]Für gute und regimetreue Studenten ist
das Studium kostenlos, unbequeme und schlechte Studenten müssen zahlen. Auch Tatsiana drohen
Studiengebühren - falls sie wieder studieren darf.
Damit es erst gar nicht so weit kommt, müssen alle Studenten seit 2003 Ideologievorlesungen
besuchen. [...]

Die europäische Studentenvertretung ESIB hat europaweit Unterstützung für Tatsiana
mobilisiert. Die europäische Rektorenkonferenz, European University Association, hat die
Mitgliedschaft der BSEU suspendiert. Sie fordert, dass Tatsiana ihr Studium wieder aufnehmen
kann. Sie selbst hat Beschwerde beim Bildungsministerium eingelegt. Das Ministerium prüft die
Eingabe. ASTRID MARXEN

taz Nr. 7862 vom 4.1.2006, Seite 18, 162 Zeilen (TAZ-Bericht), ASTRID MARXEN

zurück zur Hauptseite